Erst-Check im Museum Weißenfels

Suche nach enteignetem jüdischem Kulturgut

Befindet sich in den Magazinen des Museums Weißenfels NS-Raubgut? Dieser Frage geht seit zwei Wochen die Kunsthistorikerin Sabine Breer nach. Im Rahmen eines sogenannten Erst-Checks überprüft sie die Sammlung nach Verdachtsmomenten. Solche können etwa Schenkungen sein, Eingänge von verfolgten Privatpersonen oder herrenloses Gut, das ab 1933 an das Museum überreicht wurde. Tatsächlich stieß Sabine Breer in Weißenfels bei der Sichtung der Inventarregister auf einige Objekte, die als verdächtigt eingestuft werden müssen. In einem nächsten Schritt kann das Museumsteam nun weitere Fördermittel beantragen, um eine Klärung der Verdachtsfälle voranzutreiben.

Im Fokus stehen für die Kunsthistorikerin vor allem die Objekte, die der damalige Museumsdirektor Alfred Junge in den Kriegs- und Nachkriegsjahren über Auktionshäuser und Antiquitätenhändler erworben hat. „In den Akten sind zum Beispiel Ankäufe über das Auktionshaus Hugo Helbing aus München vermerkt. Es ist belegt, dass dort auch mit NS-Raubgut gehandelt wurde. Bei den Stücken des Museums Weißenfels muss es sich aber nicht zwangsläufig um NS-Raubgut handeln. Um das eindeutig zu klären, wäre eine tiefergehende Nachforschung notwendig“, sagt Sabine Breer. Ziemlich sicher ist sich die Kunsthistorikerin hingegen bei fünf Museumsobjekten, die im Inventarregister als Geschenke der ehemaligen Weißenfelser Freimaurerloge „Zu den drei Weißen Felsen“ ausgewiesen sind. Eines dieser Objekte ist ein Ölbild, welches das Museum 1940 erhielt. „Die Logen waren seit 1935 in Deutschland verboten. Nach deren Auflösung wurde das Vermögen beschlagnahmt. Es ist also zweifelhaft, ob es sich bei dem Ölgemälde des Logenmitgliedes wirklich um ein Geschenk handelte“, sagt Sabine Breer.

Anfang kommenden Jahres wird die Wissenschaftlerin noch einmal für mehrere Tage im Museum Weißenfels sein, um sich die verdächtigen Objekte direkt im Magazin anzuschauen. Dort möchte sie stichprobenartig auch Museumsstücke untersuchen, die nicht inventarisiert sind. Das Museum Weißenfels verfügt insgesamt über weit mehr als 100.000 Objekte. Nur 40 Prozent davon sind in den Karteiregistern erfasst.

Der Erst-Check gehört zur sogenannten Provenienzforschung. 1999 hat sich Deutschland freiwillig dazu verpflichtet, seine öffentlichen Sammlungen nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern zu durchsuchen und bei klarem Nachweis, an die rechtmäßigen Erben zurückzugeben. In Sachsen-Anhalt nehmen derzeit 17 Museen am Erst-Check teil und lassen ihre Sammlungen durchsuchen. Die Teilnahme ist freiwillig. Das Museum Weißenfels bekundet bereits seit drei Jahren Interesse an einer Überprüfung der Altunterlagen. Zuletzt stieß vor etwa fünf Jahren der Museumsmitarbeiter Mike Sachse im Rahmen einer Ausstellungsvorbereitung zufällig auf NS-Raubgut. Im Magazin fand er ein Schächtmesser von Simon Rau. In Absprache mit den Nachfahren des ehemaligen jüdischen Predigers der Synagoge Weißenfels wurde das Schächtmesser an das Simon-Rau-Zentrum der Saalestadt überreicht.

„Unser Wunsch war es, dass eine externe Person eine grundlegende Recherche in unserem Museumsbestand durchführt. Das ist ein Stück weit auch eine moralische Selbstverpflichtung. Dank der Fördermittel kann dieses Vorhaben nun umgesetzt werden“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums Weißenfels Angela Sengewald. Das Projekt Erst-Check wird getragen vom Land Sachsen-Anhalt, dem Museumsverband Sachsen-Anhalt e.V. sowie der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste.

Foto: Kunsthistorikerin Sabine Breer hat im Museum Weißenfels die Inventarregister nach Objekten untersucht, die möglicherweise NS-Raubgut sein könnten. Auf jeder Karteikarte sind Angaben zu den Kunstobjekten vermerkt wie beispielsweise das Jahr der Aufnahme in den Museumsbestand oder der Name des Vorbesitzers. Fotografin: Katharina Vokoun

 

Quelle: Stadt Weißenfels